Charityblog von Konny von Schmettau

Das Namibia-Tagebuch von Konny von Schmettau

Unendlicher Papierkrieg

abgelegt unter Namibia allgemein von Konny @ Mittwoch, 18. Oktober 2006 - 21.22 h

„Unendlicher Papierkrieg“:

EU-Agrarexportsubventionen verschließen die Märkte für Entwicklungsländer

(ipo) 85 Seiten Exportbestimmungen. Kleingedruckt. Immer wieder Ergänzungen, neue Auflagen, strengere Regeln. Wer aus einem Entwicklungsland landwirtschaftliche Produkte in die Europäische Union exportieren will, muss sämtliche Verordnungen streng einhalten, die mit immer höheren Kosten und größerem Aufwand bei immer weniger Gewinn verbunden sind. Die Konkurrenz innerhalb Europas ist groß, die EU-Agrarexportsubventionen verschärfen die Lage zunehmend. Namibias Exporteure suchen nun neue Wege durch die Erschließung von Nischenmärkten.

„Wir sind noch mit den neuen Bestimmungen für das südliche Afrika vom Februar diesen Jahres beschäftigt und dabei liegen schon die nächsten Neuregelungen auf dem Tisch, die ab Januar 2006 in Kraft treten“, erklärt André Mouton, Marketing Manager von Namibias größtem Fleischexporteur MEATCO (Meat Corporation of Namibia Ltd.). „Da fragt man sich oft, ob alle diese Auflagen für den EU-Export wirklich nötig sind, zumal selbst die europäischen Regularien untereinander schwer zu verstehen sind. Es wird für uns zunehmend schwerer, auf dem EU-Markt eine echte Chance zu haben.
30.000 Tonnen Fleisch exportiert MEATCO mit Hauptsitz in Windhoek jährlich in die EU. Hauptabnehmer sind Großbritannien, Deutschland, die Niederlande, Belgien, Griechenland und Zypern. Geringe Mengen werden nach Schweden, Dänemark, Frankreich und gelegentlich nach Italien exportiert. Größter deutscher Kunde ist ein Hamburger Großhändler mit 2.000 Tonnen pro Jahr.


„Die Bestimmungen werden immer komplizierter und schwerer einzuhalten“, so Mouton. „Während vor zehn Jahren noch Vieles auf gegenseitiger Vertrauensbasis lief, hat inzwischen jedes Kalb seinen eigenen Pass. In Europa mag das noch angehen, wenn die Landwirte eine überschaubare Anzahl an Vieh haben. Aber in Namibia, wo manche Farmen über 20.000 Hektar Weideland und entsprechend viele Rinder haben, ist das eine unglaubliche Belastung für die Farmer. Der Papierkrieg nimmt überhand, wenn Rinder oder Kälber auf Versteigerungen verkauft werden: Wenn ein Rind zweimal versteigert wird, muss jeder einzelne Käufer im Tierpass nachgewiesen werden, und zwar mit sämtlichen Daten und lückenlos. Dies bedeutet auch, dass jeder ehemalige Besitzer sämtliche Kopien über Jahre hinweg aufbewahren muss, sodass die Herkunft des geschlachteten Rindes jederzeit nachgewiesen werden kann. Es ist ein unendlicher Papierkrieg.“
„Auf dem Gebiet der veterinärpolizeilichen Maßnahmen und auch der Lebendviehproduktionsmaßnahmen steigen die Auflagen durch die EU-Kommission laufend, was erhöhte Kosten für die namibischen Produzenten mit sich bringt“, erläutert Jürgen A.H. Hoffmann, offizieller Handelsberater im Namibia Agricultural Trade Forum. „Vor allem für Kleinproduzenten ist das ganz deutlich spürbar. 85 Seiten Kleingedrucktes liegen hier wieder einmal auf meinem Schreibtisch, mindestens alle zwei Jahre bekommen wir solche Dinger. Und immer wieder müssen wir alles ändern. Besonders wichtig ist für die EU die Nachvollziehbarkeit, wo das Fleisch her kommt. Wenn man in Deutschland ein Stück Fleisch kauft, dann muss die Kette zurückverfolgt werden können zu der Farm, wer Mutter und Vater des Rindes waren, mit was es ggf. behandelt und wann es geimpft wurde. Namibia ist das einzige Land in Afrika, in dem dieser lückenlose Nachweis überhaupt schon durchgeführt wird. Diese Voraussetzungen sind wesentlich im Sinne der Welthandelskommission, um die technischen Handelsbedingungen zu erfüllen und weltweit weiter handeln zu können. Unterm Strich wird es für unsere Exporteure also immer aufwändiger und kostenintensiver. Die Folge ist, dass wir uns gemeinsam nach neuen Märkten umsehen.“
Einer der Zielmärkte ist USA, ein weiterer China, das jüngst eine starke Regierungsdelegation nach Namibia entsandte und signalisierte, dass dessen Produkte Tarif- und Quotenfrei importiert werden könnten. Jedoch müssen die namibischen Produkte auf dem chinesischen Binnenmarkt konkurrenzfähig und der lange Transportweg mit Kühlcontainern in Betracht gezogen werden. Am Beispiel der britischen Handelskette TESCO sieht man jedoch, dass es auch einfacher geht: TESCO holt seine Produkte einfach per Luftfracht im südnamibischen Keetmanshoop ab.
1.200 Mitarbeiter hat MEATCO in Namibia und verarbeitet rund 150.000 Rinder pro Jahr für den internationalen Markt. Mehr Potenzial gibt das Land nicht her, denn durch die Landreform können die Farmer ihre Betriebe nicht erweitern und so der steigenden Nachfrage von derzeit 220.000 Rindern nicht nachkommen. Dabei werden im Süden des Landes von rund 1.200 meist weitläufigen Farmen jährlich 150.000 Rinder produziert, während der Norden mit 6.000 fast ausschließlich Kleinfarmern etwa 20.000 Rinder liefert. Wegen des Veterinärzaunes im Norden Namibias darf Fleisch aus dieser Region jedoch nicht auf den europäischen Markt gebracht werden. Selbst für den namibischen Markt müssen diese Rinder und nach der Schlachtung auch deren Fleisch jeweils 21 Tage unter veterinärer Kontrolle bleiben. Dennoch ist jeder dieser Kleinbauern, der mindestens zwei Rinder in zwei Jahren an MEATCO verkauft, stimmberechtigt.
Um den EU-Standards zu entsprechen, kann MEATCO kein Fleisch aus den Nachbarländern zukaufen und muss sich daher mit dem in Namibia vorhandenen Bestand begnügen. Dieser ist je nach Stärke der Regenzeit sehr unterschiedlich, erklärt André Mouton: „Wenn es ein sehr trockenes Jahr war und die Farmer dennoch verkaufen müssen, wird oftmals die Kuh geschlachtet, die im kommenden Jahr eigentlich Kälber zur Welt bringen sollte.“ Auch für den wachsenden Tourismus, im anderen Sektor gut für die Wirtschaft Namibias, wird viel Fleisch benötigt. Dazu kommt die Konkurrenz aus der Nachbarschaft: Südafrika hat für den Eigenbedarf geringere Vorgaben als sein Nachbarland und kann daher in Namibia frei einkaufen, was der Markt bietet. Der Export von hochwertigem Fleisch wie Steaks und Filets nach Südafrika lohnt sich für MEATCO und seine Landwirte aufgrund der massiven Preisdifferenz nicht, so Mouton: „Die Farmer wären damit in der Hand der Südafrikaner und müssten jeden Preis akzeptieren.“
1986 von Südwester Farmern gegründet, um sich von marktbeherrschenden Südafrikanischen Unternehmen abzugrenzen, begann MEATCO im Jahr der Unabhängigkeit Namibias 1989 mit dem Export. „Nach der Unabhängigkeit hat Namibia als Mitglied das AKP-Staaten bevorzugten Zugang zu den Märkten der Union bekommen“, erklärt Jürgen Hoffmann. „Dadurch haben wir ungefähr 20 % unseres besten Fleisches in die EU ausführen können unter einer Quota von 13.000 Tonnen, die uns von der EU-Kommission als AKP-Staat zugestanden wurde. Allerdings nicht tariffrei. Für frische Tafeltrauben dagegen erhielten wir eine tariffreie Quote von 800 Tonnen. Die Fleischquota wird etwa zu 85% genutzt, während die der Tafeltrauben mit über 300 % überschritten wird. Für alles, was wir mehr exportieren, müssen wir mehr zahlen. Das ist unser Zugang zur EU.“

„Wir haben keine andere Wahl, wenn wir weiterhin bestehen wollen“, ergänzt Mouton. „Die Regulierungen werden immer strenger und sind mit immer höherem technischen und administrativem Aufwand verbunden. Dies alles kostet wesentlich mehr, aber im Gegenzug bekommen wir nicht mehr Geld für unser Fleisch. Unterm Strich lohnt sich der Export in die EU für uns immer weniger. Daher sind wir dabei, neue Märkte für unsere Produkte zu erschließen. Im Moment ist der europäische Markt für Steaks und hochwertiges Fleisch noch am lohnendsten, während wir für industriell verarbeitetes Fleisch in Südafrika den besten Markt haben. Aber es laufen bereits Verhandlungen mit der US-amerikanischen Regierung sowie mit dem Mittleren Osten. Den Markt im Fernen Osten haben wir in diesem Jahr sondiert, sind aber noch zu keinem Ergebnis gekommen, ob sich der Export lohnt, allein wegen der weiten Entfernungen. Wir können es uns also nicht leisten, unsere EU-Standards zu verlieren“, erklärt er entschieden. „Wenn wir keine EU-Zulassung mehr haben, wollen womöglich auch andere Länder wie die USA keine Produkte mehr aus Namibia importieren. Ein komplettes Umschwenken auf andere Märkte wäre nur denkbar, wenn zum Beispiel der US-Markt so stabil wäre, dass wir von Europa unabhängig würden. Aber da gibt es zu viele Unsicherheitsfaktoren und man sollte nie alle Eier in ein Nest legen.“

Not schweißt zusammen, das wusste man in Afrika schon immer. So kann Namibia zwar aus den Nachbarländern kein Fleisch für den EU-Export nutzen, aber man hilft sich auf andere Art: Mit Exporteuren in Botswana und Swasiland wird eine gemeinsam Marketing-Infrastruktur genutzt. Man verkauft an die selben Kunden, jedoch stets unterschiedliche Produkte, um dadurch Konkurrenz untereinander zu vermeiden. In Form einer Joint Corporation haben die afrikanischen Partner langjährige Verträge miteinander geschlossen, beraten sich gegenseitig und fahren gut damit. Früher war Simbabwe ebenfalls Partner, doch durch die gespannte Wirtschaftslage und Regierungsstruktur mussten die Verträge mit Mugabes Land gelöst werden.

Als offizieller Agrarberater betrachtet Jürgen Hoffmann die neuen EU-Bestimmungen für Namibia rein pragmatisch: „Entsprechend der Kapreform und nach den sich immer stärker verschärfenden EU-Normen wird der Markt für namibisches Fleisch zunehmend weniger attraktiv, ein Rückgang ist absehbar. Getreide wird in der EU zu Weltmarktpreisen gehandelt. Ein Produzent in der Union bekommt 100,- Euro pro Tonne, also rund 800 Namibia Dollar, während unsere Produzenten beinahe das Doppelte erhalten. Aber billiges Getreide bedeutet billige Rindermast. So werden die Weltmarktpreise stufenweise gedrückt, nach der common agriculture policy, der gemeinsamen Landwirtschaftsreform. Noch überleben wir und noch machen wir Welthandel, aber es wird immer weniger. Die Millennium Goals haben relativ wenig mit Handel zu tun, die Verbindung zwischen Handel und Entwicklung ist schwer nachzuvollziehen und nicht immer in Zahlen erfassbar. Die Realität ist eindeutig: Immer noch werden in der EU Beträge abgeschöpft von den höheren Erträgen in Entwicklungsaktionen der nördlichen Gebiete Namibias, in denen 240.000 schwarze Kleinbauern mit ihren Familien leben. Entsprechend engagieren wir uns in der Schaffung von neuen Märkten für unsere Kleinbauern.“

Mit gutem Beispiel voran geht Namibia auch im Süden des Landes: Die tariffreien Erträge für den Export von Tafeltrauben werden für soziale Leistungen der erst vor wenigen Jahren entstandenen Siedlung Aussenkehr am Nordufer des Oranje-Flusses eingesetzt, um Schulen, Kliniken und Kindergärten zu errichten und auszubauen. Mit der Nachfrage an Tafeltrauben und dem Entstehen entsprechender Arbeitsplätze in der Anbauregion siedelten sich in Aussenkehr, für das bisher keine staatlichen Entwicklungsstrukturen bestehen, inzwischen rund 14.000 Menschen an. Rund 10.000 Euro fließen jährlich in diese wachsende Kleinstadt – viel zu wenig immer noch, aber immerhin ein Anfang.

Hauptabnehmer für die Oranjer Tafeltrauben ist mit 65 % die britische Handelskette TESCO, die selbst für den Transport der frischen Ware per Flugzeug sorgt. Persönliche Beziehungen und Interessen spielen auch im internationalen Handel stets eine große Rolle, weiß Jürgen Hoffmann, und so zeigt sich auch Norwegen immer wieder als kooperativer Handelspartner. Derzeit ist Namibia der weltweit größte Exporteur nach Norwegen für Fleisch und Lamm, noch vor Argentinien und Brasilien. „Norwegen sieht Namibia als Peace Development Country und aufgrund dessen haben wir 3.000 Tonnen freie Quota für Rinder- und Lammfleisch, die wir auch voll ausnutzen“, so Hoffmann. Dem gegenüber beträgt die Höhe der Zollerträge, die die EU-Kommission aus den Tarifen für die landwirtschaftlichen Exporte aus Namibia einnimmt, etwa die Hälfte der Unterstützung der EU-Kommission an Namibia. Exportmärkte außerhalb der EU werden entsprechend zunehmend attraktiver und lukrativer, selbst für das afrikanische Vorzeigeland Namibia.

© Presseagentur Hippos 2005

noch keine Kommentare »

noch keine Kommentare

Kommentar abgeben


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag. TrackBack URI

19 queries. 0.875 seconds.
Powered by Wordpress
Design Martina Wille